Ja, aber Nein!

Der Klassiker

Mama: „Musst du nochmal aufs Klo, bevor wir gehen?“

Kind: „Nein, ich muss nicht!“

Mama: „Du gehst aber trotzdem nochmal, sicher ist sicher!“

Kind stapft beleidigt Richtung Toilette oder fängt mit diskutieren an.


Papa: „Möchtest du nochmal was trinken?“

Kind: „Nee.“

Papa: „Doch, trink noch was, es ist heut recht warm.“


Ich denke jeder kennt diese Situationen, entweder mit den eigenen Kindern, vielleicht sogar noch aus eigener Kindheit oder aus dem täglichen Leben.

Ich selbst habe unzählige solcher Situationen in den verschiedensten Lebensbereichen miterlebt.

Was Eltern ja grundsätzlich antreibt, ist die Führsorge für ihre Kinder. Sie wollen das Beste für die Kleinen.

Aber was ich wieder und wieder erlebe ist die Tatsache, dass sie sich immer weniger Gedanken zu machen scheinen, wie sie das tun. Von den Gründen mal ganz abgesehen.

Perspektivwechsel

Nehmen wir die Beispiele oben und ersetzen wir das Kind durch uns. Werde ich selbst etwas gefragt und meine Antwort wird nicht beachtet…wie fühle ich mich dann? Denkt mal einen Augenblick darüber nach.

Ich würde mich übergangen fühlen, nicht ernstgenommen, nicht wichtig. Was ich zu sagen habe zählt nicht.

Nun sind das ja keine einzelnen Situationen, die nur ab und zu im Leben eines Kindes vorkommen. Sie kommen ständig vor. Immer wieder erlebe ich es, wie Kinder gefragt werden und ihre Antwort wird übergangen. Oft scheint es den Erwachsenen nicht einmal klar zu sein, dass sie fragen.

Sag ich oder frag ich?

Oma: „Gibst du mir bitte deine Hand?“


Papa: „Ziehst du deine Jacke an?“


Einige von euch höre ich jetzt sagen das sei doch eine Bitte, eine Aufforderung.

Ich habe recherchiert und im ersten Moment stimmt das auch. Allerdings ist es so formuliert eine Aufforderung in Frageform (Link: Das höfliche Fragezeichen – Fragen Sie Dr. Bopp! )

Und sind wir doch ehrlich, ein Kind hört diese höfliche Aufforderung nicht. Ein Kind hört die Frage. Und eine Frage gibt immer eine Entscheidungsmöglichkeit.

Warum stellen Eltern/Erwachsene also Kindern so oft Fragen, wenn diese dann doch keine Entscheidungsfreiheit haben?

Mama bringt ihre Tochter in die Kita, die Kleine möchte aber nicht bleiben.

Mama: „Mama geht jetzt arbeiten und danach komm ich wieder und hol dich ab, okay?!“

Die Kleine weint, schüttelt den Kopf und alles an ihr sagt „Nein, das ist für mich nicht okay.“


In diesen Situationen frage ich mich immer mehrere Dinge:

  • Warum kommt ein „Okay“ am Ende des Satzes?
  • Was erwartet die Mutter von ihrer Tochter für eine Antwort?
  • Braucht die Mutter das okay der Tochter, um sich besser zu fühlen, weil sie sie abgibt?

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es hart ist, sein weinendes Kind abzugeben, ob in der Kita oder z.B. bei den Großeltern. Aber man muss sich bewusst machen, wer diese Entscheidung getroffen hat das Kind abzugeben – der Erwachsene, ich als Mutter in diesem Fall. Ich muss zu dieser Entscheidung stehen. Und es ist nicht meine Tochter dafür verantwortlich mir das schlechte Gewissen darüber zu nehmen. Dafür bin ganz allein ich verantwortlich!

Ich bekomme immer mehr das Gefühl, dass Eltern immer das Wohlwollen der Kinder haben möchten. Um sich besser zu fühlen vielleicht? Ich weiß es nicht und ich will auch gar nicht mutmaßen, das bringt nämlich nichts. Sagt ihr mir, was ihr darüber denkt…in den Kommentaren.

Ich habe auch das Gefühl Eltern trauen sich nicht mehr ihrem Kind zu sagen, was es doch bitte tun soll. Ist das nicht mehr zeitgemäß? Dafür sind wir Eltern/Erwachsene/Erzieher doch da denke ich. Kämen Kinder ohne unsere Hilfe, unsere Führung und unser Vorleben klar, bräuchten sie uns ja nicht.

Verantwortung übernehmen

Möchte ich, dass mein Kind nochmal auf die Toilette geht, bevor es irgendwo hin geht, dann sage ich es meinem Kind.

Mama: „Geh bitte nochmal auf die Toilette.“

Kind: „Ich muss aber nicht mehr.“

Mama: „Du hast das Gefühl nicht mehr zu müssen, ich möchte aber gerne sicher gehen. Also gehen wir nochmal, wenn nichts kommt, ist es ja auch gut.“


Wenn ich der Meinung bin, dass mein Kind noch etwas trinken sollte, weil es sehr warm ist, dann gebe ich ihm etwas zu trinken und sage ihm, dass es bei dem Wetter wichtig ist gut zu trinken. Die wenigsten Kinder werden es ablehnen.

Wir können von unseren Kindern nicht erwarten, dass sie mit unseren Entscheidungen oder Wünschen einverstanden sind. Wir müssen die Verantwortung übernehmen und wir müssen unseren Kindern Klarheit und Verlässlichkeit bieten. Und zwar in dem wir sagen, was wir möchten. In dem wir sagen, was wir von ihnen erwarten. Ohne vermeintliche Fragefalle…die im Normalfall meistens eh in Streit ausartet.

Klarheit

Fragen wir uns wo ein Kind eine Entscheidungsfreiheit hat. Wo hat das Kind die Möglichkeit mitzuentscheiden?

  • Ob es gewickelt wird, weil die Windel voll ist? → Wohl kaum.
  • Ob es sich im Auto anschnallt? → Absolut nicht.
  • Ob es in der Kita bleibt, weil Mama und Papa arbeiten müssen? → Leider nein.
  • Ob es eine Jacke anzieht, weil es draußen kalt ist? → Eher nicht. Aber ich habe die Möglichkeit mein Kind vielleicht entscheiden zu lassen, welche Jacke es anziehen möchte (in Hinblick auf die so trendige Partizipation…übrigens eines meiner Hass-Wörter…dazu aber ein ander Mal mehr)

Ich könnte noch unzählige Beispiele nennen. Was aber nicht Sinn meines Artikels ist.

Mein Anliegen

Überlegt, bevor ihr redet!

  • Hat das Kind eine Entscheidungsfreiheit?
  • Hat es die Wahl zwischen JA oder NEIN?
  • Habe ich als Erwachsener gerade die Möglichkeit, die Entscheidung des Kindes zu berücksichtigen?

Und macht euch bewusst, mit wem ihr redet!

  • Ihr redet nicht mit kleinen Erwachsenen…ihr redet mit Kindern.
  • Sie verstehen und sehen Dinge anders als wir. Sie sehen sie direkter, einfacher strukturiert.
  • Und weder ein Kind noch ein Erwachsener kann in euch reinsehen und eure Wünsche und Erwartungen in euch lesen. Denn auch unter Erwachsenen kommt es so häufig zu angespannten Situationen gerade durch diese höflichen Aufforderungen, die im Kern oft mehr eine Erwartung des einen an den anderen sind. Und zu aller erst sind wir für unsere Erwartungen selbst verantwortlich.

Mehr davon?

Ich könnte stundenlang über dieses Thema reden oder schreiben. Da gibt es so viele verschiedene Facetten, Bereiche und auch Konsequenzen für Eltern/Erwachsene und Kinder. Aber das würde wohl den Rahmen hier sprengen.

Solltest ihr aber was zu sagen haben, bitte schreibt einen Kommentar.

Sollte jemand mehr zu dem Thema von mir wissen wollen oder hat konkret Fragen an mich, dann kontaktiert mich über mein Formular Kontakt